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Am frühem Morgen des 26.12.2004 fuhr ich mit 3 Gästen in einem Pickup vom Tauchcenter Atlantis-Dive-World in Ao Nang/Thailand zum dortigen Strand, wo wir mit unserem Equipment auf Longtailboote stiegen, die uns zu einem Bigboat, das auf Reede lag, brachten. Vor uns lag erwartungsvoll ein Tag mit zwei Tauchgängen, geplant auf Phi Phi - Island und seinen Tauchplätzen, die auf Grund ihres Bewuchses und der Fischvielfalt wohl zu den besten und schönsten Spots auf der Welt gehören. Meine Gäste waren Birgit aus München sowie Christine und Christian aus Oberösterreich. Die Stimmung war gut, die Gespräche intensiv und wir alle waren in Vorfreude.

Nach eineinhalb Stunden Fahrt stoppte das Schiff und ein Gast wurde von einem Longtailboot, das uns eingeholt hatte, wieder abgeholt und wir waren uns sicher, wieder zurück gebracht. Dieser Stopp mitten im Meer dauerte ca. 45 Minuten, dann ging die Fahrt weiter in Richtung Koh Phi Phi.

Als wir noch 30 bis 40 Minuten zu fahren hatten, die Ausrüstungen waren vorbereitet, befand ich mich mit Birgit auf dem Oberdeck und wir schauten uns die typischen, kegelförmigen Felseninseln der Umgebung an. Plötzlich sahen wir eine riesige Wasserwelle in Richtung auf die Inseln zulaufen. Die Welle war wunderschön anzusehen und da keiner an Bord etwas über ein ca. vier Stunden zuvor stattgefundenes Erdbeben wusste, habe ich mir auch keine Gedanken über die Ursache gemacht. Die Wirkung dieser Welle allerdings sah ich unmittelbar als sie auf die Insel prallte und eine, meines Erachtens über einhundert Meter hoch schäumende, spritzende Gischtfontäne erzeugte. Es folgten weitere Wellen nie gesehener Größe. Das Schiff stoppte augenblicklich seine Fahrt. Vom Sonnendeck wurden wir auf das Unterdeck gerufen, Rettungswesten wurden uns gezeigt und wir darauf hingewiesen, dass Tauchgänge heute wegen der großen Wellen nicht möglich seien. Immer noch gab es keinen Hinweis auf das ca. vier Stunden zuvor stattgefundene Erdbeben der Stärke 8,6 in Indonesien, was diese “TSUNAMI” genannten Wellen ausgelöst hatte. Heute weiß ich, dass Erdbeben auf dem Meeresgrund mind. die Stärke 7,5 erreichen müssen, um derartige Tsunami auslösen zu können.

Das Schiff fuhr zurück in Richtung Ao Nang. Ein Kilometer vor der Küste zwischen verschiedenen Inseln dann ein erneuter Stopp. Es war jetzt nachmittags, ca. 14 Uhr, ca. sechs Stunden nach dem Beben, von dem jetzt endlich berichtet wurde. Nach Ao Nang konnten wir nicht einlaufen, der Strand sei völlig beschädigt, hieß es. Nach Krabi in den Hafen einzulaufen sei unser Ziel, aber das sei erst nach Ende der derzeitigen Ebbe möglich. Zwischen den Inseln, wo wir jetzt lagen, herrschte Chaos. Um uns herum weitere sieben Tauchboote. Aus den Waldungen hinter den Stränden strömten Menschen an die Strände und winkten mit Handtüchern nach Hilfe. Im Wasser waren viele Longtailboote versunken und wir retteten Schiffsbrüchige. Die Coast-Guard kam mit einem Rettungsboot und einem Hubschrauber um Verletzte nach Krabi ins Krankenhaus zu bringen.

Erst jetzt wurde mir klar, dass der morgendliche, 45minütige Stopp und der umkehrende Gast unser/mein Schutzengel gewesen war.

Gegen 17 Uhr konnten wir dann in den Hafen von Krabi einlaufen und wurden nach und nach innerhalb von drei Stunden mit einem Pickup nach Ao Nang gebracht.

Es steht inzwischen fest, dass die Welle am Strand von Ao Nang alle Longtailboote getroffen und erheblich beschädigt, teilweise unbrauchbar gemacht hat. Der Strand läuft lang und flach aus und am Ende befindet sich eine mehrere Meter hohe Mauer. Darüber und über die folgende Straße haben sich die Wassermassen ergossen und alles weggespült und weggedrückt, was nicht felsenfest gebaut war. Die Zahl der Toten in Ao Nang beläuft sich auf ca. 40, die der Verletzten auf ca. 300 und die der immer noch Vermissten auf ca. 50 Personen.

Es gibt in diesem Teil der Welt keine Warnsysteme wie in Japan oder Amerika. Außerdem werden solche Informationen hier von korrupten und unfähigen Beamten ignoriert, die mit dem Kopf auf die Tischplatte gestützt nur kurz zucken wenn das Telefon läutet, den Hörer abnehmen, sofort wieder auflegen und dann weiter schlafen. Ich werde nie verstehen, dass eine Flutwelle, die mehrere Stunden unterwegs ist und gesehen wird, nicht mindestens per Telefon angekündigt werden kann und nachrichtlich entsprechend behandelt wird. Ich bin inzwischen auch davon überzeugt, das Geldspenden nie ihr Ziel erreichen. Andere füllen sich vorher die Taschen. Hilfe ist zwar dringend nötig, aber ich glaube sie muss praktischer Art sein. Organisieren kann hier kaum jemand, alle schauen zu und gelebt wird scheinbar nach der Devise: “Arbeit geht weg, ich komme.”

Davon konnte ich mich an den folgenden zwei Tagen überzeugen. Mit weiteren 23 Tauchlehrern haben wir auf Anfrage der hiesigen Marine vor den Stränden nach Opfern oder Hinweisen getaucht. Als Zeitpunkt des Treffens war 7 Uhr vereinbart. Alle waren rechtzeitig zur Stelle, nur der verantwortliche Oberst kam erst um 11 Uhr. 4 Stunden asiatische Geduld. Danach wurden wir mit Zodiacs zu einem Bigboat auf Reede gebracht. Hier hatte eine Tauchbasis alles bestens vorbereitet, aber dann draußen drückten sich die Marines wo nur möglich, nahmen aber Verpflegung soviel sie nur bekommen konnten. Markierungsbojen, die uns Tauchern, 12 mal 2 Personen, als Startfeld für die Suchen nach U-Muster dienen sollten, waren ohne Sinn und Verstand sowie in unterschiedlichen Entfernungen voneinander gesetzt. Zwei Tage a zwei bzw. drei Tauchgänge mit Navigation und Flossenschlägen zählen sowie suchen, haben ordentlich geschlaucht.

Am 31.12.2004 habe ich mit vier Gästen im nahen Bereich wieder getaucht. Der erste Tauchplatz war unter Wasser zu ca. 50% der zweite zu ca. 90% völlig zerstört. Korallen, insbesondere alle Geweihkorallen sind nur noch einzelne Stückchen. Barsche haben keine Unterstände mehr, Sandmassen haben die Riffblöcke überspült. Es wird Jahrzehnte oder mehr als 100 Jahre dauern, bis hier wieder die alte Schönheit zu finden ist.

Noch ein Wort zur Versorgung, weil ich im Internet die Nachrichten der dortigen, sensationshungrigen Journalisten lese. Sie scheinen nur daran zu denken, dass das was schaurig und sensationell ist, zum Geldverdienen geeignet ist. Schreiben tun viele, aber aus der Ferne, ohne sich vor Ort ein Bild der tatsächlichen Situation zu machen. Hier gibt es noch viel Elend in den Krankenhäusern und bei den Betroffenen. Aber es wird aufgeräumt. In zwei Wochen ist viel vergessen und das Leben wird weitergehen. Sicher sind beispielsweise in Indien viele Trinkwasserbrunnen vom Salzwasser überflutet worden und ungenießbar. Aber warum gibt es dort nur Brunnen und keine Leitungen? Wie gesagt, Geldspenden, so glaube ich, helfen nicht, weil vorher andere sich die Taschen voll stopfen und zuletzt für Wasserleitungen kein Geld mehr bleibt.

Mir geht es im Vergleich sehr gut. Ich kann essen und trinken was und soviel ich will. Alles ist vorhanden. Ich wohne vom Strand entfernt in einem 80qm großen Bungalow mit voll eingerichteter Küche, einem Wohn- und zwei Schlafräumen, habe Fernseher und Internetanschluss. Ich kann täglich warm mit Süßwasser duschen und das alles zu Preisen, die in Deutschland kaum einer für möglich hält.

Ich habe gestern Abend mit einer Flasche Bier am Strand mit anderen Tauchlehrern den Jahreswechsel erlebt. Kein Kracher, keine Rakete wurde um Mitternacht gezündet. Stattdessen stiegen hunderte, ca. 50 cm hohe, kleine, von einem inseitigen, offenen Feuer gespeiste Heißluftballons auf, die von einem leichten Wind in die Ferne getrieben wurden, bis sie in der Dunkelheit verschwanden. Ein toller Anblick und auch ein wenig bezeichnend für das, was hier stattgefunden hat. So habe ich es wenigstens empfunden.

Ich möchte, wie geplant bis zum 11. März hier bleiben, das Land, die Menschen, ihre Speisen und das Tauchen genießen.

................ elf Tage danach.......

Heute ist der 6. Januar 2005, abends, 11 Tage nach der Tsunami. Das Leben in Ao Nang hat sich weitestgehend normalisiert. Da es wohl zu den Eigenschaften der hiesigen Bevölkerung gehört nicht “das Gesicht zu verlieren” kann man auch keine Trauer mehr erkennen. Viele Spuren der Verwüstung sind beseitigt, die zerschellten Longtailboote werden am Strand eifrig repariert. Alle nahen Riffe sind unter Wasser beschädigt und viele fallen für die nächsten Jahre als Tauchplätze aus. Die Tauchplätze um Koh Phi Phi jedoch sind intakt. Leider jedoch fehlt es momentan an den nötigen Gästen. Der beste Weg dieser Region zu helfen besteht darin, dass die Touristen erneut hierher kommen. So und nicht anders wird den Menschen hier geholfen

 

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